1992 erschien eine Schrift, mit dem Titel »Karl
der Fiktive, genannt Karl der Große«. 1994 folgte »Hat
Karl der Große je gelebt« (2. Auflage 1995), 1996 schließlich
verlegte der ECON Verlag/Düsseldorf ein Buch mit dem Titel »Das
erfundene Mittelalter«, dessen 6. Auflage seit Anfang 1999 vorliegt.
Eine Bilanz, die Staunen macht.
Was macht, muß man sich ob des offensichtlichen
Erfolgs fragen, dieses Buch so interessant und wer vor allem ist der Autor?
Heribert Illig heißt der Unruhestifter, der allerdings
nicht nur im Mittelalter eine gründliche Chronologierevision vorgenommen
hat. In seinem Gräfelfinger Verlag Mantis hat er seit 1988 etliche
Publikationen, unter anderem zur »veralteten Vorzeit«, den
Pyramiden und den Pharaonen veröffentlicht. In der von ihm herausgegebenen
Zeitschrift »Zeitenprünge« werden regelmäßig
geschichtskritische Fragen thematisiert.
Soviel zum Autor, doch nun zu seiner These.
Die Antwort auf unsere Frage ist so spektakulär
wie einfach: Illig behauptet: »In der europäischen Geschichte
bilden 7., 8. und 9. Jahrhundert einen künstlichen Zeitraum. Er enthält
keine reale Geschichte, so daß er ersatzlos zu streichen ist und
die Zeiten davor und danach direkt oder mit nur geringem Abstand aneinanderzufügen
sind.« [Illig,1998, 18].
Diese Forderung, die man auf den ersten Blick einfach
nur als lächerlich empfinden kann, gewinnt in seiner Darstellung eine
erstaunliche Gestalt und man ist geneigt, seiner Argumentation Glauben
zu schenken.
Doch es bleiben nicht unerhebliche Zweifel. Warum hat
die geschichtliche Forschung bisher noch nicht selbst solcherlei Erkenntnis
gewonnen, zeigt Illig uns doch, wie klar die Sachlage ist, wie leicht die
Fehler aufgedeckt sind, und wie einfach eine Korrektur wäre. Illigs
These ist die Götterdämmerung des frühen Mittelalters, um
nicht zu sagen seine Karlsdämmerung.
Das Interesse der Öffentlichkeit war größer
als das der Fachwelt
Seit Erscheinen des Buches bei ECON gab es eine Lawine
von Zeitungs- und Fernsehberichten, Radiodiskussionen, etc. Doch die Fachwelt
hielt sich, gegenüber der breiten Öffentlichkeit, etwas bedeckt.
Da Ausnahmen allerdings die Regel bestätigen, seien hier nur das von
Prof. Borgolte gehaltene Proseminar »Hat Karl der Große je
gelebt« vom Sommersemester 1998, an der Humboldt-Universität
Berlin, genannt, eine große Umfrage unter Historikern aus aller Welt
der Zeitschrift »Ethik und Sozialwissenschaft« VIII (4) von
1997, und der Beitrag von Prof. Schieffer in der Ausgabe 10/97 von »Geschichte
in Wissenschaft und Unterricht«. Das Buschfeuer scheint sich zum
unkontrollierten Flächenbrand zu entwickeln. Deshalb soll hier versucht
werden, eine Illigs Standpunkt ähnliche Sichtweise darzustellen, für
ihn bestehende Rätsel aufzuzeigen und zu vermitteln, wo er Probleme
sieht, welche Ergebnisse er erzielt und welche Schlüsse für ihn
daraus zwingend erscheinen.
Rätsel über Rätsel
Illig baut seine These auf mehreren Pfeilern auf. Auf
der katastrophalen Quellenarmut und ebensolchen archäologischen Befunden,
einer bewußt fehlerhaften Chronologie, und dem architektonischen
Beweis, daß die Pfalzkapelle zu Aachen nicht aus Karls Zeit stammen
kann, da sie ihrer Zeit baulich um die fraglichen 300 Jahre voraus sein
soll. Für die Karlszeit führt er, zur Verdeutlichung der allgemeinen
Quellenlage, vier beispielhafte Probleme an. Erstens die Fragen nach Karls
Geburtsort und den dunklen Ursprünge seiner Ahnen. Nächstens
die Frage, warum Karl in einer Zeit, in der Herrschaftsteilung üblich
war, nach dem Tode seines Bruders Karlmann (771) Alleinherrscher wurde
und nicht zusammen mit seinen Neffen und seiner Schwägerin, als gleichberechtigte
Anwärter auf den Thron, regiert hat. Schließlich die ungeklärten
Probleme im Zusammenhang mit Karls Kaiserkrönung, also warum seiner
Hofkanzlei kein Einheitsdatum für die Erhebung zum Kaiser bekannt
ist. Auch die ungeklärten Fragen der Krönung zu Rom und sein
nie aufgefundenes Grab. Dies alles sind Illig Indizien großen Unwissens
um Karls Person. Der größte Herrscher des Abendlandes wird nach
seinem Tode binnen Stunden verscharrt und ist von da an für die Nachwelt
verschwunden.
Der Überkaiser
Diese vier Probleme stellt Illig beispielhaft an den
Anfang, wobei er im Folgenden die Gestalt Karls des Großen weiter
zu demaskieren sucht. Zu seiner Person fragt Illig, wie Karl in 46 Regierungsjahren
44 Jahre lang Krieg führen kann und dabei eben mal eine Strecke zu
Pferde zurücklegt, die, je nach Berechnung, zwei- bis viermal um den
Äquator reicht. Es ist für ihn ebenso seltsam, wie ein einzelner
Mann zu solchen Energien fähig ist, denn Karl war weit mehr als Militärexperte,
was alleine bereits mehrere Heldenleben ausfüllen könnte, sondern
auch genialer Diplomat, Jurist, Germanist, Ethnologe, Theologe, Mäzen
und Finanzgenie.
Er unterhielt Beziehungen an den Hof von Bagdad, eroberte,
laut Einhard, mehr als das halbe Europa, verstand es, sich seiner Gegner
so gründlich zu entledigen, daß die Geschichte sie forthin vergißt,
beherrschte Nordafrika, Syrien und, auf friedlichem Wege, den Zugang zu
den hl. Stätten. Eine Tat, die Friedrich II. fast 400 Jahre später
wiederholen kann. Auch hier war Karl seiner Zeit wieder erstaunlich weit
voraus.
Doch geht Illigs Offensive nicht nur gegen die Person
des großen Karl, es bleiben auch die Gaue des Frankenreichs nicht
verschont. Wie kann dieses Land das alles finanzieren, ein Land, in dem,
so Illig, die Landwirtschaft darniederliegt und nur minimalster Tauschhandel
auf fast neolithischem Niveau existiert? Es ist damit allerdings nicht
abgetan, auch Städte und Völker in Karls Reich existieren, wenn
überhaupt, nur auf dem Papier. Gegenüber der Merowingerzeit und
dem 10. Jahrhundert, aus denen beiden gute archäologische Befunde
vorliegen, sind karolingische Reste den Archäologen in einem so verschwindenden
Maße bekannt, daß sie im Untergrund praktisch überhaupt
nicht auftauchen. Sein wichtigstes Argument schließlich findet Illig
in der Architektur. Insgesammt kennen wir für die Jahre 476 bis 855
n. Chr. 1695 Großbauten. Für Illig kann deren Nichtnachweisbarkeit
nur Indiz sein für eine falsche, viel zu frühe Datierung, im
schlimmsten Fall sogar schlichtweg Erfindung. Bei 215 der bekannten Bauten,
die archäologisch untersucht wurden, konnte man nur zu einem Bruchteil
karolingische Spuren nachweisen. Wir besitzen, wie Illig mit den Worten
von Wolfgang Braunfels feststellt, »aus dem 8. Jahrhundert mit Ausnahme
des letzten Jahrzehnts (...) so gut wie nichts« [Illig 1998, 208].
Illig geht sogar so weit, das Aachener Münster,
steingewordenes Zeugnis Karls des Großen, zu verjüngen, soll
es doch ein Bauwerk mit einer Architektur sein, die, wie eine Erscheinung
aus dem Dunkel der Zeit, urplötzlich auftaucht, um ebenso geheimnisvoll
wie schnell wieder zu verschwinden. Erst in Speyer, unter Heinrich IV,
erlangte man wieder eine derartige Kunstfertigkeit in den Wölbungen.
Im Ganzen konstatiert Illig 24 (!) architektonische Anachronismen,
von der Kuppel über die verschiedenen Gewölbe, das Strebesystem
und Wandauflösungen, die Oktogonform bis hin zu den Bronzearbeiten:
alles zu früh geratene Architektur, die es aufgrund des damaligen
technischen Standarts, gar nicht geben dürfte. Für Illig bricht
damit die Karlsdämmerung über Aachen herein und legt ihren Mantel
aus purem Nichts über den großen Karl und seine Werke. Karl
der Große wird zu Karl dem Fiktiven.
C14 - Der Stein der Weisen?
Doch überlegen wir: Karl der Große - ein Fälschungsprodukt
und nur Makulatur, rund drei Jahrhunderte europäischer Geschichte
für den Mülleimer? Wer sollte Karl denn gefälscht haben
und was hätte der oder die Fälscher damit erreichen wollen ?
Wie soll man überhaupt eine Zeit von 300 Jahren fälschen? Können
wir nicht mit C-14 und Dendrochronologie das Alter von archäologischen
Funden und Bauwerken exakt bestimmen? Man sollte können, möchte
man glauben. Allerdings sind archäologische Spuren, jeweils von der
Methode ihrer Datierung abhängig, nicht hundertprozentig einer Zeit
zuweisbar. Es können sich, für ein und den selben Forschungsgegenstand,
bis zu 100 verschiedene Datumsangaben ergeben. Der Physiker Christian Blöss
und Prof. Hans-Ulrich Niemitz von der HTWK Leipzig, haben bei ihrer 1997
veröffentlichten Untersuchung gezeigt, daß sowohl C-14 als auch
Dendrodatierungen elementarste Fehler anhaften. Für beide Methoden
zur Datierung stellen sie fest, daß sie keine realen Daten oder gesicherte
Anhaltspunkte über das Alter eines Gegenstandes liefern können
und somit als Fundament für Datierungen unbrauchbar sind.
»Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen«
Als Verdächtige hat Illig vor allem die drei ersten
Dynastien ausgemacht, denn gerade diese haben einen seltsamen Bezug zu
Karl und seinem Wirken. Otto III. als der erste Entdecker von Karls Grab,
Heinrich V. als Bauherrn des Aachener Doms als einer Kirche seines, dem
Papst übergeordneten, kaiserlichen Vorgängers und Barbarossa,
der einen geradezu fanatischen Karlskult trieb (er erwirkte die Heiligsprechung),
und dem durchaus auch an einem, der Kirche und Oberitalien gegenüber,
starken Kaisertum lag. Schließlich Friedrich II., dessen Parallelen
zu Karl für Illig mehr als auffällig sind.
Cui bono?
»Daran schließt die entscheidende Frage an:
Cui bono? Wem zum Nutzen? Immer haben Fälscher versucht, akute Bedürfnisse
auf dem Umweg über einen fiktiven Ahnen zu befriedigen, durch Rückprojektionen
aktuelle und künftige Vorteile zu erzielen. (...) Der mittelalterliche
Dauerkonflikt zwischen Kirche und Kaiser, zwischen Welf und Waibling, (...)
verlangte ohne Zweifel immer neue Argumente. Sie konnten am leichtesten
durch Fälschungen beigebracht werden« [Illig, 1998, 342].
Somit besteht für Illig an der ‘Erfindung Karl’
Nutzen für alle: Kaisern diente er als mächtiger Vorgänger,
der den Papst in seinen Schranken hält. Die Kirche benutzte ihn als
Stifter und Begründer ihrer Macht und Herrschaft über den Kaiser,
und schließlich immer neue Nutznießer, die sich aus einer Zurückführung
auf Karl ganz praktische, irdische Vorteile erhofften. Warum sollte ein
Kloster nicht auch von Schenkungen Karls des Großen profitieren,
wenn auch der Papst sich selbst Urkunden ausstellte, um fragliche Ansprüche
zu legitimieren?
Doch wie bringt man eine Erfindung von nahezu dreihundert
Jahren Länge in der Geschichte unter? Ein paar Ereignisse wären
ja leicht irgendwo dazwischen geschoben, aber 300 Jahre? Auch hier hat
Illig ‘Schuldige’ ausgemacht: Den byzantinischen Kaiser Konstantin VII.
Porphyrogenetos, der die Geschichte Ostroms neu schreiben ließ, und
Papst Gregor XIII. Vor allem Letzterer, weil unter dessen Pontifikat die
große Kalenderreform vorgenommen wurde. Illig behauptet nun, diese
sei fehlerhaft, denn man hatte damals, um den Fehllauf des Kalenders auszubessern
(alle vier Jahre ein Schalttag ergibt in 400 Jahren 100 Schalttage, drei
Schalttage zuviel, was Gregor dadurch ausbesserte, das der gregorianische
Kalender in 400 Jahren nur mehr 97 Schalttage hat), 10 Tage übersprungen,
vom 4. auf den 15. Oktober 1582. Doch man hätte mit 10 Tagen Korrektur
(bis 1582 waren 12,7 Fehltage aufgehäuft) eben um 2,7 (also rund 3)
Tage zu wenig korrigiert. Da nun rund 3 Tage für einen Fehllauf von
rund 400 Jahren stehen, muß, laut Illig, die fragliche Zeit damals
eingefügt worden sein. Illig geht dabei davon aus, daß der Fixpunkt
Nicäa (325 n. Chr.), der 1582 als Grundlage der Reform gewählt
wurde, falsch ist, da aus den Konzilsakten keine Anhaltspunkte für
einen ‘Tagesordnungspunkt Kalender’ hervorgehen.
Ein geräumiger Denkapparat
Illig endet mit dem Ausblick auf weitere Bücher,
die die Fiktionalität des karolingischen Mittelalters weiter erhärten
sollen. Was wir in der europäischen Geschichte als Lücke enttarnen,
muß, allerdings nicht zwingend zeitgleich, in der Geschichte anderer
Kulturkreise ebenso vorhanden sein.
Man kommt nicht umhin, eine gewisse Bewunderung für
Illig zu empfinden, braucht es doch eine gute Portion Mutes, sich einer
Welt von Spezialisten entgegenzustellen und noch dazu mit einer derart
grundstürzenden These. Unweigerlich erhebt sich die Frage, ob man
sich überhaupt mit Illig beschäftigen sollte? Das Echo der Fachwelt,
immerhin haben bislang 51 Historiker, Archäologen, Germanisten und
Vertreter anderer Disziplinen zu Illig Stellung bezogen, zeigt deutlich,
daß er keine »historische Eintagsfliege« ist und bestätigt,
daß es mitnichten »Besudelung der Berufsehre« ist, sich
mit seinen Thesen zu beschäftigen, sondern normale, kritische Auseinandersetzung
mit den, zugestandener Maßen, ungewöhnlichen Thesen eines ungewöhnlichen
Mannes. Man sollte sich, dem Beispiel unserer Koryphäen folgend, mit
Illig auseinandersetzen, zumindest einige Gedanken auf seine Überlegungen
verwenden. Prof. Borgolte schrieb dazu: »(...), aber es lohnt sich
doch, in kritischer Auseinandersetzung mit ihr das Instrumentarium der
Geschichtsforschung zu erproben.«.
Es ist mit Sicherheit falsch, Illigs Thesen vorbehaltlos
anzuerkennen und ihnen Glauben zu schenken, genauso , wie sie ungelesen
zu verteufeln. Bedauerlicher Weise muß gesagt werden, daß Illig
auch schon in die nähe der Auschwitzlüge gerückt wurde,
wie es Dr. Richard Herzinger, in ‘kritischer Auseinandersetzung’, in der
ZEIT vom 26. September 1997 getan hat.
Vielleicht ist Karl der Große echt, vielleicht
ist er Karl der Fiktive, vielleicht ist das frühe Mittelalter Erfindung,
vielleicht kennen wir schon die Realität. Wichtig an Illigs Ansatz
ist die Kunst und die Freiheit, aus Dogmen auszubrechen und sich als echter
und für viele unbequemer Querdenker zu beweisen. Wissenschaft, und
ganz besonders die Geisteswissenschaft, lebt vom freien Denken und gerade
die verschrobensten Einfälle waren oftmals diejenigen, die die Grundlage
boten, aus ihnen neue Ansätze zu entwickeln, auch wenn diese dann
in ganz andere Richtungen liefen. Der Kulturhistoriker und Philosoph Egon
Friedell sagte einst: »Bei einem Denker sollte man nicht fragen:
welchen Standpunkt nimmt er ein, sondern: wie viele Standpunkte nimmt er
ein? Mit anderen Worten: hat er einen geräumigen Denkapparat oder
leidet er an Platzmangel, das heißt: an einem System?«.
Um aber nicht Gefahr zu laufen, an einem System zu erkranken,
sollte man seinem »Denkapparat« auch einmal Exotisches gönnen,
als Seminars, Vortragsreihe oder vielleicht Diskussionsrunde. Und wenn
es, dem Beispiel anderer Universitäten wie Berlin, Leipzig oder London
folgend, an der LMU auch einmal Exotisches zu kosten gäbe, so würde
dies mit Sicherheit niemandem zum Nachteil gereichen, sondern nur die Geräumigkeit
unser aller »Denkapparate« fördern.
F. Konstantin Jurisch
Literatur:
· EuS = ANFRAGE Heribert Illig: Enthält das frühe Mittelalter
erfundene Zeit? STELLUNGNAHME Gerd Althoff, Werner Bergmann, Michael Borgolte,
Helmut Flachenecker, Gunnar Heinsohn, Theo Kölzer, Dietrich Lohrmann,
Jan van der Meulen, Woflhard Schlosser, REPLIK Heribert Illig, in: Ethik
und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur VIII
(4), S. 481-520, Opladen 1997
· Illig, Heribert, Das Erfundene Mittelalter, Düsseldorf
1996
· Schieffer, Rudolf, "Ein Mittelalter ohne Karl den Großen,
oder: Die Antworten sind jetzt einfach", in: Geschichte in Wissenschaft
und Unterricht 48 (1997), S. 611-617
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